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Die deutsche Nationalmannschaft spielt eine erfolgreiche Fußball-Weltmeisterschaft. Bedeutet dies, dass Joachim Löw ein guter Trainer ist? Wie geht es weiter? Erfolgt erneut das Scheitern kurz vor dem Titelgewinn? Wären die Siegchancen mit einem anderen Trainer in dieser Phase des Turniers größer? Eine ungerechtfertigte Diskussion. Joachim Löw kennt viele Spieler seit knapp 10 Jahren und hat seine Erfahrungswerte gesammelt, um aus ihnen das Beste herauszuholen. Er ist ein Trainer, der dem neuen Typus des Trainers entspricht, der auf eine empathische Führungskultur und vertrauensvolle Zusammenarbeit im Team setzt. Mit dem Abschied von den sogenannten Alpha-Tieren seit der WM 2006, die noch einen alleinigen Führungsanspruch in der Mannschaft für sich beanspruchten, verstärkte sich eine Kultur in der Nationalmannschaft, in der das Wir mehr denn je über dem Ich steht. Mehr und mehr Trainer in der Bundesliga folgen diesem Trend bzw. verstärken ihn oder haben ihn gar vor Joachim Löw, z. B. Jürgen Klopp als junger Trainer mit Mainz in der zweiten Liga oder im Jugendbereich (Thomas Tuchel), bereits vor ihm geprägt.

In der deutschen Wirtschaft ist diese Art der Entwicklung, weg von starren Top-down-Strukturen hin zu einer Führung die auf Partizipation, Offenheit und gemeinsame Visionen setzt, bisher weitestgehend ausgeblieben. In einer vergleichenden Studie zwischen Managementpraxis und Fußball-Hochleistungsteams kommen die Autoren um Wolfgang Jenewein (Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und Akademischer Direktor des Executive MBA) zu dem Schluss, dass „Unternehmen in Fragen der Führung und Kultur den Fußballklubs um Jahre hinterher hinken“. Nun tut sich jedoch eine Führungskräfte-Generation hervor, die sich fortlaufend weiterentwickeln will und muss. Laut einer Studie der Unternehmensberatung KPMG (Confronting Complexity: Research Findings and Insights) sieht die Mehrzahl der Führungskräfte die steigende Komplexität als größte Herausforderung unserer Zeit. Soziale Kompetenzen werden immer wichtiger, um mit dieser Komplexität erfolgreich umgehen zu können. Individuen sind oftmals nicht mehr in der Lage ähnlich gute Resultate zu erzielen wie im Kollektiv durch Interaktion entwickelte Lösungen. Eine Kultur des Miteinanders, empathische Führung, Kooperation und Zusammenarbeit oder Werte wie Stolz, Begeisterung und Respekt werden immer wichtiger, um nachhaltige Leistung in einem komplexen Umfeld zu fördern.

Joachim Löw hat es mit seinem Team geschafft, eine Mannschaft zu strukturieren, die sich dem Erfolg verschrieben hat. Wäre er möglicherweise auch ein guter Unternehmenslenker? Gibt es Ansatzpunkte im Fußball, im Spitzensport im Allgemeinen, von denen Wirtschaftseinheiten profitieren könnten? Das Thema Wissenstransfer aus dem Sport in die Wirtschaft wurde nun auch in dem renommierten Magazin Harvard Business Manager in der Juli-Ausgabe als Titelthema (TIKI-TAKA FÜR MANAGER von Wolfgang Jenewein u. a.) aufgenommen. Der steigenden Komplexität im Spiel setzen die weltbesten Mannschaften die Intelligenz des Schwarms entgegen. Schon William Ross Ashby, einer der Pioniere der Kybernetik, hat darauf hingewiesen, dass steigende Komplexität nur mit Komplexität beantwortet werden kann. Erfolgreiche Trainer im Fußballsport, wie Pep Guardiola oder Jürgen Klopp, setzen diese Philosophie bereits seit einigen Jahren um. „In Schwärmen hat jedes einzelne Individuum die Möglichkeit, den Schwarm zu steuern und Handlungen zu beeinflussen. So kann das Kollektiv mehr Einflussfaktoren und Lösungsmöglichkeiten berücksichtigen und dadurch besser entscheiden“, so W. Jenewein und C. Schimmelpfennig. Dass mit Spanien der Protagonist des TIKI-TAKA-Fußballs bei der WM bereits in der Vorrunde ausgeschieden ist und dass Mannschaften wie Chile, Kolumbien oder die Niederlande die Schlagzeilen mitbestimmen, bedeutet nicht das Scheitern der zu Grunde liegenden Führungskultur der TIKI-TAKA-Philosophie. Ebensowenig bedeutet die Abhängigkeit der argentinischen oder brasilianischen Mannschaft von ihren jeweiligen Superstars die Wiederkehr der alles bestimmenden singulären Führungspersönlichkeit. Vielmehr liegt auch bei diesen Mannschaften der Fokus auf der Zusammenarbeit, dem gemeinsamen Erreichen eines Ziels auf Basis einer gemeinsamen Vision.

Im Fußball oder auch in anderen Teamsportarten hat jeder Spieler die Möglichkeit, auf die komplexe Spielweise der gegnerischen Mannschaft einen entscheidenden Einfluss zu nehmen. In gleicher Weise sollten Mitarbeiter eines Teams an Einfluss gewinnen, wenn es darum geht, Entscheidungen in komplexen Projekten zu beeinflussen. Denn nicht nur im Fußball ist der Wettbewerb intensiver geworden. In der Wirtschaft hat die Intensität des Wettbewerbs ebenfalls zugenommen, und Innovationszyklen haben sich verkürzt. Auch aus diesem Grund muss über den Umgang mit der Ressource Mensch neu nachgedacht werden. In der Ausbildung von jungen Managern, kommenden Führungskräften, wird der Schwerpunkt der Wissensvermittlung auf betriebswirtschaftliches Know-how gelegt. Soziale Kompetenzen, die sogenannten „Soft Skills“ werden am Rande, oftmals in Wahlkursen, mitbehandelt, stehen jedoch nicht im Vordergrund. Jedoch sind sie in vielen Fällen der Schlüssel für das erfolgreiche Führen von Unternehmen und Organisationen. Spitzensportler lernen von frühester Jugend an – egal ob als Einzelathlet oder als Teamspieler – dass man nur mit einer Mannschaft um sich herum, mit denselben Visionen und Zielen, Erfolg haben kann. Ob ein Roger Federer als Tennisspieler oder ein Dirk Nowitzki als Basketballer, sie haben ein Team aus Spezialisten um sich herum aufgebaut, das es ihnen ermöglicht, Topleistung zu erbringen. Führungskräfte können von Spitzenathleten lernen, ihr Potenzial weiter auszuschöpfen und ein Team zu führen, das es ihnen ebenso ermöglicht, als Team gemeinsam Spitzenleistung zu erbringen.

Weiterführende Links:

Juli-Ausgabe Harvard Business Manager

Blogbeitrag von Wolfgang Jenewein: FÜHRUNG MACHT DEN UNTERSCHIED

Wolfgang Jenewein im Interview zum Thema Fußballmanagement

Confronting Complexity: Research Findings and Insights, KPMG

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