© AthletenWerk/ Foto: Bob Berger

Heidi, Du standest auf dem Gipfel des Mount Everest (8.848m), hast den Cho Oyu (8.188m) ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen und Dir ist die Besteigung des Makalu (8.481m) als erste deutsche Frau gelungen. Was ist das Wichtigste für eine erfolgreiche Gipfelbesteigung?

Ich denke, es gibt Grundvoraussetzungen, die man haben muss, um ein Ziel wie den höchsten Punkt der Erde zu erreichen. Ein Berg wie der Mount Everest hat etwas Leidenschaftliches, Stürmisches, Unheimliches an sich. Eine Besteigung ist immer noch ein großes Abenteuer und birgt viel Ungewissheit. Menschen, die sich an eine Besteigung wagen, suchen also u. a. das Abenteuer. Sie sind aber auch bereit, große Entbehrungen in Kauf zu nehmen und ihre ganze Kraft für das Gelingen der Besteigung einzusetzen. Das eigene Durchhaltevermögen wird jeden Tag neu auf die Probe gestellt. Am Everest beginnt es z. B. schon damit, dass man ca. 40 Tage lang ein karges Zelt auf einer Gletschermoräne sein Zuhause nennt. Dies jedoch nicht bei angenehmen Temperaturen, sondern bei Temperaturen nachts bis zu -25 Grad Celsius. Hinzu kommt, dass man sich insbesondere im Basislager am Everest in einer „Ellenbogengesellschaft“ befindet, was für uns Frauen ganz besondere Herausforderungen mit sich bringt. Natürlich sind auch die hygienischen Bedingungen eine große Herausforderung.

Grundsätzlich gilt: man muss seine Ziele und Expeditionen akribisch planen, oft über Monate und Jahre hinweg. Jeder Berg ist ein eigenes Projekt, das spezielle Anforderungen an einen Bergsteiger hat. Darüber hinaus ist es für jeden Bergsteiger nicht nur ein individuelles Projekt, sondern man ist Teil eines Teams, das sich aufmacht, den Gipfel zu erreichen. Am Berg nicht teamfähig zu sein, kann tödlich sein.

Entscheidend ist jedoch die Geduld und mentale Stärke. Denn ein Gipfel ist erst erfolgreich bestiegen, wenn auch der Abstieg gelungen ist. Die meisten Unfälle passieren beim Abstieg. Der Grund dafür ist, dass viele Bergsteiger bei der Gipfelerreichung schon sehr erschöpft sind. Beim Abstieg lässt dann die Konzentration nach und es kommt zu tragischen Unglücken. Aus diesem Grund muss man sich einen Umkehrzeitpunkt auf dem Weg zum Gipfel setzen, zu dem das Risiko zu hoch wäre, weiter aufzusteigen und es sinnvoll ist umzukehren. Mental muss man sich darauf vorbereiten, dies dann auch umzusetzen.

Was war Deine ganz persönliche Motivation, Dich an einen 8.000er zu wagen?

Ich habe im Juli 2010 die Diagnose Darmkrebs in fortgeschrittenem Stadium erhalten. Nach der Diagnose ging alles sehr schnell: erst die Operation, dann die Chemotherapie. Während dieser Zeit wurde mir immer klarer: ich brauchte ein Ziel, das mir zusätzliche Kraft gibt. Ein Ziel, das mir hilft, diese Krise durchzustehen, diese Krankheit zu überwinden. In mir entstand dann langsam, sehr langsam eine klare Vision. Mehr und mehr verdichtete sich in mir ein Traum, ein Traum der schon lange in mir schlummerte und immer klarer vor mir sichtbar wurde: wenn ich das überlebe, dann will ich auf dem Gipfel eines 8.000ers stehen. Grundsätzlich ist mein Antrieb meine große Leidenschaft für das Bergsteigen. Tief in meinem Innern spüre ich eine magische Anziehungskraft, die diese hohen Riesen auf mich haben. Natürlich weiß ich auch um die Statistiken und Todesraten.

Für mich hat das Bergsteigen jedoch noch eine weitere Facette. Es ist für mich auch eine besondere Art der Inspiration. In den Bergen lasse ich mich inspirieren für meine Arbeit als Bildhauerin. In vielen meiner Skulpturen sind meine Erlebnisse an den 8.000ern verarbeitet. Ich bin mir sicher, ohne meine Expeditionen sähe meine Kunst vollkommen anders aus. Aus diesem Grund ist die Motivation für das Bergsteigen auch eine Art von Notwendigkeit, um mich in der Kunst so ausdrücken zu können, wie ich es möchte.

Du hast von Deiner Darmkrebserkrankung gesprochen. Wie bist Du damit umgegangen? Hat sie Dich eventuell sogar etwas gelehrt?

Eines der heutigen Schlagworte, die mir auch von Unternehmensvertretern immer genannt werden, ist Resilienz. Resilienz ist ja die Fähigkeit, Krisen, traumatische Erfahrungen oder schwere Krankheiten zu überwinden, wieder gesund zu werden und sogar persönlich daran zu wachsen. Genau diese Abfolge habe ich durchlebt. Ohne damals ein festgelegtes Konzept zu haben, ist es mir damals gelungen, die richtigen Schritte zu gehen. Ich habe den Zustand, der sich nicht ändern ließ, denn ich war schwer erkrankt, so angenommen wie er war und habe nicht allzu lange damit gehadert. Ich habe die Realität akzeptiert und war mir sicher, dass sich die Dinge zum Positiven wenden werden. Auf eine spezielle Art und Weise habe ich Verantwortung für meine Situation übernommen und habe versucht das Beste und Notwendige zu tun. Ich verharrte also nicht in Passivität, sondern habe aktiv an meiner Genesung mitgearbeitet. Entscheidend für mich war aber vor allem, dass ich Pläne für die Zukunft geschmiedet habe. Ich habe mir das Ziel gesetzt, auf den Mount Everest zu steigen. Dieses Ziel, dieser Traum hat mir zusätzlich Energie gegeben, die schwere Zeit durchzustehen. Und am Ende stand ich tatsächlich auf dem Gipfel des Mount Everest. Mir hat es gezeigt, wie wichtig es ist, Ziele zu haben und diese konsequent zu verfolgen – auch wenn die Situation noch so schwer ist.

Weiterführende Links:

Website Heidi Sand

Veranstaltung mit Heidi Sand

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