Carolin Dietrich

Welche Bedeutung haben Hürden für Dich?

Für mich haben Hürden natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Gemeinhin nimmt man sie ja als Hindernisse wahr, die im Weg stehen und Schwierigkeiten bereiten, dem Ziel näher zu kommen. Bei mir ist es ein wenig anders. Natürlich muss ich auch die Hürden hinter mir lassen, um über die Ziellinie zu sprinten. Allerdings bedeutet für mich eine Hürde kein Hindernis, sondern eine Chance. Bei uns Hürdensprintern stellt jede Hürde eine Gelegenheit dar, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Wenn es mir gelingt, die Hürden optimal zu überlaufen, habe ich eine gute Chance, meine Konkurrentinnen hinter mir zu lassen. Im Gegensatz zu einer Sprungdisziplin, wie dem Hochsprung oder dem Weitsprung, muss beim Hürdenlauf die Landung ja so erfolgen, dass danach sofort und ohne Geschwindigkeitsverlust weiter gelaufen werden kann. Wenn mir das gelingt, bietet mir jede Hürde als Teil der gegebenen Rahmenbedingungen die Chance, etwas Zeit gut zu machen, um am Ende als Erste über die Ziellinie zu sprinten. Im Grunde ist ein Hürdensprint wie ein Arbeitstag im Zeitraffer. Bei uns Sprintern wartet nach einer Hürde die nächste Hürde, im Job wartet nach der erfüllten Aufgabe bereits die nächste. Genauso wie ich mir nach dem perfekten Überlaufen der ersten drei Hürden nicht sicher sein kann ein perfektes Rennen zu laufen, kann man sich nach einem Kundengespräch nicht zurücklehnen und einen Gang runterschalten. Das nächste Gespräch steht sicher schon im Terminkalender.

Du hast eine lang andauernde verletzungsbedingte Wettkampfpause hinter Dir. Viele Rückschläge haben Dich immer wieder zurück geworfen. Wie gehst Du mit diesen Rückschlägen um?

Das ist richtig, ich habe seit meinem Halbfinallauf bei den Olympischen Spielen 2012 in London keinen schmerzfreien Wettkampf mehr bestreiten können. 2013 habe ich zwar noch zwei Wettkämpfe bestritten, allerdings unter großen Schmerzen. Im selben Jahr habe ich mich deshalb dazu entschlossen, mich an beiden Achillessehnen operieren zu lassen. Leider musste ich in der Zeit danach meinen Comeback-Plan nach mehreren Rückschlägen immer mal wieder anpassen. Jetzt bin ich aber ziemlich guter Dinge, dass ich Anfang kommenden Jahres in die Wettkampfsaison einsteigen kann. Die Achillessehnen halten und die Leistungskurve zeigt auch nach oben. Den richtigen Umgang mit den Rückschlägen musste ich auch erst lernen. Es war nicht einfach, zu akzeptieren, den Zeitpunkt meines Comebacks immer weiter nach hinten schieben zu müssen. Mit der Zeit habe ich jedoch gelernt, mich zu entspannen und die sich immer wieder ändernden Rahmenbedingungen zu akzeptieren. Ich habe mich auf den Prozess der Regeneration konzentriert und meine Energie voll und ganz darauf ausgerichtet, diesen möglichst optimal zu durchlaufen. Das war natürlich nicht immer einfach, da Rückschläge auch zu Frust führen können. Mir ist es jedoch sehr gut gelungen, mich auf meine Aufgaben zu fokussieren, den Optimismus nicht zu verlieren und keine Energie zu verschwenden, indem ich mich über einen erneuten Rückschlag ärgere. Und jetzt freue ich mich, bald wieder mitmischen zu können.

Wie gehst Du mit dem Stress und dem Druck in den letzten Momenten vor dem Start um?

Die letzten Momente vor dem Start sind ganz speziell. Ich versuche alles um mich herum auszuschalten und mich auf meine Aufgaben während des Laufs zu konzentrieren. Ich mache mir bewusst, dass ich im Vorhinein alles dafür getan habe, um einen guten Lauf zu zeigen, um meine zu diesem Zeitpunkt beste Leistung abzurufen. Vor dem Start schalte ich zudem in den Modus „Attacke“. Oder wie mein Trainer Rüdiger Harksen immer so schön sagt: „Druff ned drüba!“. Attacke heißt in dem Fall natürlich nicht, Adrenalin bis zum Anschlag und Augen zu und los. Nein, es bedeutet kontrollierte Attacke mit einem Schuss von Boltscher-Gelassenenheit. Usain Bolt zeichnet sich ja durch eine besondere Zielstrebigkeit, Ruhe und Gelassenheit aus. Damit ist es ihm gelungen große Ziele zu erreichen. Einen guten Lauf zeichnet also immer eine Mischung aus richtiger Zielsetzung, Kampfgeist und Gelassenheit aus. Genau diese Mischung versuche ich mir vor dem Start ins Bewusstsein zu rufen und mich darauf einzulassen. Dabei hilft mir beispielsweise auch die Visualisierungsarbeit mit meinem Team. So kann ich mich sehr gut im Vorhinein in Läufe hineinversetzen, um wenn es darauf ankommt, alles abrufen zu können.

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